GEGEN DAS VERGESSEN
Leben - gestaltet Erfahrung.
Erfahrung - gestaltet uns.
Erinnerung - gestaltet aus Erfahrung Bewusstsein.
Bewusstsein - ist kreativ und gestaltet aus Erfahrung
Erinnerung und Vorstellung Zukunft.
Zukunft - will leben.
Vergessen - gestaltet gar nichts.
Aus dem Lyrikband 'MEGALITH'
UNIO MYSTICA
An jenem Morgen
als das unendliche Selbst sich ausbreitete,
um die Ränder der Welt zu berühren,
gaben die Wände des Daseins nach
und Myriaden Sonnenfunken
atmeten Wärme aus.
Und das Schweigen sandte eine Botschaft aus,
die das Bewusstsein
auf Engelsflügeln entgegen nahm.
Wunschlos war die unvorstellbare Umarmung,
kraftvoll im Ahnen
zeitlos, ewiger Gegenwart.
WAHLFREIHEIT
Ach, ihr gesichtslosen Götter!
Ich habe diesem blutenden Christus nie viel abgewinnen können
und hätte sicher lieber
die Goldblume im Nephritsaal verehrt.
Aus Rache für soviel Wahlfreiheit
habe ich jetzt 2000 Jahre Geschichte auf meinem Buckel,
liebevolle Erziehung der heiligen Mutter Kirche.
Als ich noch nicht einmal ahnte, was Lust ist,
hat sie die Sünde in mir verankert.
Ich kann mich nicht erinnern,
von der Zärtlichkeit
und der Wärme gehört zu haben.
Wohl wissend um die Diskrepanz ihrer Heiligkeit
und der weltlichen Praxis,
entlud sie diesen furchtbaren Zwiespalt
in meine wachsende Seele.
Ich ziehe nicht ihren Gott in Zweifel,
nur das Gesicht, das sie ihm gegeben hat.
Und ich verbitte mir,
dass ihre unbefriedigten Handwerker
- ex cathedra -
Die Empfindsamkeit meiner Kinder verbiegen.
Aus dem Lyrikband 'MANDALA'
GOTTVÄTER
Wieso denkst du,
du wüsstest mehr als ich oder
irgend etwas besser?
Weil du soviel älter bist als ich?
Ich bin Millionen Jahre alt, und du,
du bist bloß ein Mann, der eine Höhle sucht.
Ich wusste nichts von meiner langen Geschichte.
Immer hatte man mir gesagt,
ihr wäret die Klügeren,
die ganz natürlich Herrschenden.
Bis ich dich traf,
so alt und weise,
und du, genau wie alle anderen vor dir,
deine Nische in mir suchtest.
Jetzt weiß ich,
dass ich Millionen Jahre alt bin.
Aber ich brauchte viele wie dich
und so viel von eurer kindlichen Sehnsucht,
die sich in mich hinein wühlte,
bis ich endlich meine unglaublich vielen Jahre
akzeptierte.
Es ist mir aber sehr schwer gefallen,
die Väter dem Himmel zu entreißen.
VERLUSTE
All diese leeren Augen!
Kein Einhorn,
kein Elf,
kein Empfinden mehr - nichts.
Nichts, wofür es sich wirklich lohnt zu leben.
Kein Schutz für Tiere,
kein Schutz für Kinder.
Kind - ermordet.
Früher waren wir arglos und dachten
wie die märchenhaften Räuber.
Heute - heute weiß jeder,
wie schön es sein muss,
ein Kind zu vergewaltigen.
Es gewaltsam zu Tode zu bringen.
Es ist jedem völlig klar:
Da ist ein Kind mit eingeschlagenem Kopf gefunden worden.
Mit kaum verdeckter Lüsternheit
steht es in jedem Blättchen.
Ach, wie herrlich sind dann all die Fantasien!
Dieses zarte, kaum gelebte,
gerade eben angedachte Menschenkind.
Aufgerieben, stranguliert, rau gerissen,
vor Angst irre.
Warum heult da kaum einer?
Warum höre ich nichts?
Warum ist alles, wie es je war?
Erklärt mir das,
wenn ihr Kultur interpretiert.
Was passiert da alles nicht mehr?
